Gruppenanalytisches Institut GIGOS

Hans-Peter Waldhoff

 

Soziologische Zivilisationstheorie und Gruppenanalyse:

Chronos und Kairos im beschreibbaren Leben wie im lebendigen Beschreiben1

 

1. Chronos und Kairos

Es gibt ganz verschiedene Denkhaltungen. So kann ich an meinem Computer sitzen und an diesem Vortrag schreiben. Oder ich kann, wenn der Arbeitsprozess stockt, an der Limmat entlanggehen und auf den Fluss schauen. Sitzen und Schreiben, oder Gehen und Fliessen. Beim ersten Vorgang stelle ich mich körperlich still und konzentriere mich auf das chronologische Ordnen sprachlicher Symbole zu einem Text. Das Gehen und Fliessen gibt mir auch sinnlich ein Gefühl für Prozessualität, für die Ordnung des Nacheinander.

Darüber hinaus aber mag der schnelle Schritt, die frische Luft, das Glitzern der Sonne im Fluß, für einen Augenblick die Strenge des Chronos, des Denkens in textlicher Chronologie, gewissermaßen transzendieren in einen geglückten oder gar glücklichen Moment, in den rechten Augenblick des Kairos der griechischen Mythologie, des zweiten Gesichtes der Zeit. Dieser Augenblick kann mit einem Wimpernschlag den Gedanken hervorbringen, oder die Ordnung der Gedanken, die zuvor noch nicht zur Verfügung stand.

 

Ein berühmter amerikanischen Kriminalroman, Ellmore Leonhardts „Out of Sight“, ist im Kern auf dem Spannungsverhältnis zwischen Chronos und Kairos aufgebaut: Die Hauptfigur, ein sympathischer und interessanter notorischer Bankräuber fortgeschrittenen Alters, zu 30 Jahren Haft verurteilt, läuft bei seinem sehr geschickt geplanten Ausbruch aus einem Hochsicherheitsgefängnis, kaum jenseits der Mauer, einer attraktiven jungen Polizistin in die Arme. Es gelingt ihm diese mit Hilfe seines wartenden Komplizen zu überwältigen. Der Komplize fährt das Fluchtfahrzeug, der Ausbrecher liegt mit der Geisel im Kofferraum eng aneinandergedrückt und plaudert mit ihr über beiderseitige Lieblingsfilme. Obwohl die Polizistin später fliehen kann und dabei fast den Ausbrecher erschießt, hat eine untergründige Liebesgeschichte begonnen. Und während unerbittlich die Uhr des Chronos tickt, indem der Bankräuber nicht mehr aus dem Gefängnis seiner Biographie ausbrechen kann und das Fahndungsnetz um ihn immer enger wird, suchen Jägerin und Gejagter mit schlafwandlerischer Konsequenz nach einem Augenblick des Anhaltens der Zeit, nach einem Kairos-Augenblick der Liebe. Fast schon gegen Ende des Buches erreichen die Protagonisten ihre gemeinsame Nacht. Danach nimmt das vorgezeichnete Schicksal seinen Lauf, sie ist an seiner Verhaftung beteiligt, erschießt ihn dabei gegen seinen Wunsch nicht und schickt ihn zurück in lebenslange Haft. Der gesamte Spannungsaufbau speist sich aus den widerstreitenden Logiken von Chronos und Kairos.

 

2. Zwischen Traum und Streben: Foulkes und Elias in einer gruppenanalytischen Forschungsgruppe

Der Soziologe Norbert Elias, die Gruppenanalyse und besonders deren Begründer Foulkes beeinflussend und von ihr und ihm seinerseits beeinflusst wie kein zweiter Gesellschaftswissenschaftler, hat in seinen Studien über die Zeit gezeigt, wie menschliche Gesellschaften das Instrumentarium der Zeit schaffen und verfeinern, um ihrer zunehmenden Komplexität Herr zu werden, um mit steigenden Verflechtungszwängen umgehen zu lernen, er hat, kurz gesagt, Chronos zwar entmystifiziert, aber dieser Form von Zeit, die wissenschaftlich fassbar ist, die gesamte Studie gewidmet. Foulkes’ Schüler Hymie Wyse beispielsweise, langjähriger Gruppenlehranalytiker am SGAZ, war hingegen ein Liebhaber und Meister des Kairos. Und ist es nicht in der Tat die Perlenkette atemberaubend geglückter Momente, die wir als wertvollste gruppenanalytische Erfahrung mit nach Hause nehmen können?

Für eine „Theorie“ in einer Ausbildungssequenz, in der wir uns gerade befinden, stellt sich hier eine knifflige Frage: Neigt die Wissenschaft nicht dazu, die bunten Schmetterlinge des Augenblicks aufzuspießen, um sie tödlicher Analyse zuführen zu können?

Wie vor einem Vexierbild wechseln wir zwischen diesen beiden Perspektiven. Lassen sie sich möglicherweise integrieren? Wie kann Kairos zur Stromschnelle im Strom des Chronos werden? Wie kann Erfahrung ohne Abtötung zu Wissenschaft werden, wie ich mit Georges Devereux fragen möchte?

 

In den Archiven finden sich Protokolle einer gruppenanalytischen Forschungsgruppe, die 1947 und 1948 unter maßgeblicher Beteiligung von Foulkes und Elias versucht hat, die damals noch recht neue gruppenanalytische Erfahrung auf ein wissenschaftliches Syntheseniveau zu heben. Sie ist, wie ich finde, in lehrreicher Weise gescheitert, ich habe das andernorts detailliert beschrieben (Waldhoff 2009).

Hier kommt es mir auf das genannte Spannungsfeld zwischen gruppenanalytischer und in gewisser Weise menschlich-gesellschaftlicher Erfahrung überhaupt, und ihrer wissenschaftlichen Reflektion und Zusammenfassung an.

 

Folgendermaßen beschreibt die Gruppe selbst das methodische Konfliktfeld:

 

»Disziplinierte oder formale Gruppendiskussion ist unserer Meinung nach weniger produktiv oder anregend als freies, hin- und herschweifendes Gespräch. Es schafft eine Atmosphäre, in der die Probleme besser ausgedrückt und diskutiert werden können. Die einzelnen Beiträge sind mehr als unterbrochene Monologe ... Negativ ist, dass bei dieser Methode eine ganze Menge interessanter Probleme unter den Tisch fallen können. Für die, die an exakter Formulierung interessiert sind, war die weniger disziplinierte Form der Diskussion zuerst ein Ärgernis« (Foulkes/Elias 1992: 256).

»Sogar in unseren rein wissenschaftlichen Gruppen offenbart sich ein Hin- und Herpendeln zwischen dem therapeutischen und dem akademischen Pol« (Foulkes/Elias 1992: 258).

 

Elias, der in seiner wissenssoziologischen Wissenschaftstheorie ein Spannungsfeld zwischen Engagement und Distanzierung als zentral herausgearbeitet hat, mit dem sich auch der Spezialfall des freien Gruppengesprächs versus formaler disziplinierter Diskussion beschreiben lässt, hat dabei wissenstheoretisch zunächst die Bedeutung der Distanzierung sehr betont. In seiner Wissenschaftspraxis lässt er schon früh auch andere Interessen erkennen. Es ist aufschlussreich, dass er sich folgende Mitteilung von Freud über dessen Arbeitsweise exzerpiert hat:

 

»Heute sind mir mehrere sehr merkwürdige Dinge eingefallen, die ich noch gar nicht recht verstehe. Vom Nachdenken ist ja bei mir keine Rede. Diese Art zu arbeiten tritt ruckweise ein. Gott allein kennt das Datum des nächsten Schubes.«9

 

Freud hat diese Arbeitsweise als eine charakterisiert, in der man in bestimmter Hinsicht dem eigenen Unbewussten die Zügel schießen lässt. Elias hat diesen Arbeitsprozess, interessanterweise in einem Gedicht, als einen der Balance zwischen Traum und Streben (Elias 1987b: 67) beschrieben oder am Beispiel Mozarts als einen der Balance zwischen den innerpsychischen Instanzen Es, Ich und Überich (Elias 1991), in der letzten Fassung seiner Wissenstheorie schließlich als gleichgewichtige Balance zwischen Engagement und Distanzierung, die einen kontrollierten Kontrollverzicht im Sinne der Informalisierungsthese einschließt.

Folgende Variante der Spannung zwischen Engagement und Distanzierung hat die gruppenanalytische Forschungsgruppe, die sich im Hinblick auf den Weltgesundheitskongress „Congress-Group“ nannte, 1948 beschäftigt:

 

»Wir hatten zu wählen, an welcher Stelle der Skala der Gruppenorganisation wir diese Vorbereitungskommission ansiedeln wollten. Das eine Extrem äußerte sich in dem unbedingten Gefühl, dass das Persönliche sich nicht in den Vordergrund drängen sollte, um den therapeutischen Aspekt zu vermeiden. Andererseits konnten wir, wenn wir Material sammeln wollten, es uns nicht leisten, nach Plan vorzugehen« (Foulkes/Elias 1992: 252).

 

In der Gruppenpraxis führte unter anderem diese Spannung zu starken Spannungen zwischen den Teilnehmern. Mit ihr verbunden war die Rivalität zwischen Elias und Foulkes , in der inhaltlich Elias die Partei wissenschaftlich disziplinierter Gruppendiskussion vertrat und Foulkes die der freien Gruppenassoziation.

 

Elias: Foulkes hat uns klar gemacht, dass das ganze Problem der Spannung weiterer Klärung bedarf ... Die ganze Diskussion findet noch immer fast ausschließlich auf der Ebene der Persönlichkeit statt ... Was Sie im Moment sagen, ist, dass das die Art und Weise ist, wie ich beinahe instinktiv mit der Sache umgehe; nach meinen persönlichen Impulsen habe ich natürlich die Neigung, so damit umzugehen. Es ist vollkommen natürlich, dass jeder seine bevorzugte Einstellung hat ... das ist nicht die Ebene der Wissenschaft. Die wäre, dass wir, aus dieser natürlichen, unkritischen Neigung heraus, diese und jene Einstellung zu haben, viel mehr über das wissen würden, was ich zuvor gesagt habe: wenn ich die Spannung auf einem hohen Niveau halte, dann passiert dies; wenn niedrig, dann passiert jenes. Bis zu diesem Stadium sind wir noch nicht vorgedrungen.“ (Waldhoff 2009)

 

Auf der Basis der Gruppendiskussionen reformuliert Elias die Hauptunterschiede in der therapeutischen Technik in der folgenden Schlüsselpassage:

 

Am einen Ende der Skala ist der Gruppenleiter, der sehr systematische Ratschläge gibt, der eindeutig in ganz genauen Formulierungen festlegt, was die Patienten für eine Einstellung haben sollten, was sie nicht machen sollten. Am anderen Ende, hier repräsentiert von James, gibt es keine expliziten Anweisungen, sondern bestenfalls indirekte Hinweise durch bestimmte Verhaltensweisen ... Ich will es noch anders ausdrücken: liegt nicht der Hauptunterschied darin, dass einige von Ihnen es für richtig halten, sich dem Ich, dem Verstand der Patienten zu nähern – vielleicht weil ein intellektueller Ansatz Ängste in Grenzen hält und, als der üblichere Ansatz, den Übergang von außen in die Gruppe leichter macht. Ich weiß es nicht. Auf der anderen Seite stimuliert der (nichtintellektuelle oder nichtverbale) Ansatz die Emotionen weit mehr ... und kann von den Patienten weit mehr auf verschiedene Weise interpretiert werden, je nach ihren Gefühlen.“ (Waldhoff 2009)

 

Immer wieder sehen wir in einer eskalierenden Spaltung wie Elias versucht, einen kollektiven wissenschaftlichen Generalisierungsprozess und Schreibprozess in Gang zu bringen, der aber so aufgefasst werden könnte, als solle die Gruppe erfahrener Gruppenanalytiker als Rohstofflieferanten der Theoriebildung dienen, und immer wieder blockiert die Gruppe, weil sich, immer wenn es konkret wird, nie etwas generalisieren ließe. Immerhin sekundiert ein Teilnehmer Elias mit dem so witzigen wie treffenden Satz: „Wie können wir generalisieren, dass man nicht generalisieren kann?“

 

Trotz vieler lesenswerter Anläufe versinkt diese Gruppe, übrigens kräftig den damaligen gruppentherapeutischen Konkurrenten Bion kritisierend, immer wieder in den Mahlstrom jener Gruppenverfassung, für die Bion in eben jener Zeit den Begriff der „Grundannahmengruppen“ prägte. Als potentiell aussichtsreichster, aber damals noch nicht systematisch verfolgter Lernprozess wird jener erkennbar, der inzwischen zum Allgemeingut der Gruppenanalyse geworden ist: Der selbstreflexive Bezug auf den eigenen Gruppenprozess als Erkenntnismittel. So wenn Elias plötzlich eine verhedderte inhaltliche Diskussion unterbricht und sagt:

 

Ich erinnere mich an die Szene beim letzten Mal. Sie wiederholt sich: Ich sah mich, wie ich angespannt („anxiously“) nach Regelmäßigkeiten fragte und von Ihnen nur Mitleid erntete – man kann nicht generalisieren.“ (Waldhoff 2009)

 

Foulkes hat der hier analysierten Kongress-Gruppe so viel Bedeutung beigemessen, dass er den von ihr aufgrund ihrer ersten Arbeitsphase vorgelegten Text später in eines seiner Grundlagenbücher aufgenommen hat. Dieser Text wendet gruppenanalytische Erfahrung auf Wissenschaft und insbesondere soziologische Forschung als Gruppenprozess an:

 

»Es herrscht Übereinstimmung, dass in soziologischen Untersuchungen der Beobachter einen integralen Teil der Situation oder des Feldes bildet, dass aber die Menschen in ihrer Befähigung, dieses Prinzip auf ihren eigenen Fall anzuwenden, verschieden sind. « (Foulkes/Elias 1992: 259).

 

Hier wird bereits im Kern vorweggenommen, was die ethnopsychoanalytische Wissenschaftsforschung, insbesondere Devereux und Erdheim, später ausgearbeitet haben: Die Spaltung der herrschenden Wissenschaftsauffassung zwischen Beobachter und Beobachtetem wird aufgehoben.

 

Wechseln wir mit diesen Erkenntnissen aus dem Mikrokosmos der Forschungsgruppe in Elias’ soziologische Sprachwelt.

 

 

3. Aufgehoben im Kairos der geglückten Sprache

Wie ist Elias in seiner späteren wissenschaftlichen Arbeit mit dieser Erfahrung der wissenschaftlichen Verschriftlichung lebendiger Erfahrung umgegangen, die er in der Gruppenanalyse und wohl auch mit der Psychoanalyse gemacht hat?

Er hat zeitlebens einer herrschenden Soziologie, die als destruierende Wissenschaft empfunden werden konnte, im Sinne einer Wissenschaftsauffassung der soziologischen Vorstellungskraft, des lebendigen Orientierungswissens, entgegenzuwirken gesucht.

Im Gedicht drückt er auch für die eigene Arbeit den Wunsch nach weitergehender Transzendierung aus:

 

»Deine Bücher sind / Bücher eben / Blick durch dünne Tücher / noch nicht / noch nicht Leben / ... (Elias 1987)«

 

Seine Wissenschaftsutopie, hinter der sich eine Gesellschaftsutopie der Versöhnung gesellschaftlicher Zwänge und persönlicher Wünsche verbirgt, manifestiert sich sprachlich als eine Verbindung der wissenschaftlichen und der literarischen Kultur.

Im Kairos der geglückten Sprache transzendiert er, ohne das je so zu nennen, immer von neuem die chronologischen Zwänge wissenschaftlichen Textaufbaus.

So, wenn er in seiner Symboltheorie mit einem einprägsamen, Bewusstes und Unbewusstes verbindenden Bild über „das dem Denken zugrundeliegende komplexe Unterholz vorsprachlicher Triebe und Phantasien“ schreibt (Vgl. Waldhoff: 129).

 

Weitere Beispiele sind:

- Der Begriff von Menschen und ihren Gesellschaften als „Wandlungskontinuum“, der die Spaltung zwischen Strukturen und Prozessen aufhebt.

- Der Begriff der Figuration und der Figuration affektiver Valenzen, der die Spaltung zwischen „Individuum und Gesellschaft“ aufhebt.

- Die in hohem Alter in „Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen“ geschriebenen Sätze: „Der Tod ist ein Problem der Lebenden“ und „Das Sterben ist nichts Schreckliches, wenn es gut geht. Man fällt ins Träumen und die Welt verschwindet.“

Zu den glücklichsten dieser Formulierungen zählt eine über die künstlerische Arbeitstechnik von Mozart, dessen Musik abgelauscht, und zugleich ein Selbstmodell der eigenen wissenschaftlichen Arbeitstechnik:

 

»Denn die Umformung, die Entanimalisierung, die Zivilisierung des elementaren Phantasiestroms durch den Wissensstrom und, wenn alles glückt, die schließliche Verschmelzung des ersteren mit dem letzteren bei der Handhabung des Materials stellt einen Aspekt einer Konfliktlösung dar. Das erworbene Wissen, zu dem auch das erworbene Denken gehört, oder in der verdinglichten Sprache des Herkommens: der ›Verstand‹, freudisch gewendet: das ›Ich‹ stemmt sich ja den mehr animalischen Energie-Impulsen entgegen, wenn sie sich handlungssteuernd der Skelettmuskeln zu bemächtigen suchen. Daß diese libidinösen Impulse bei ihrem Versuch, das Handeln des Menschen zu steuern, auch die Kammern der Erinnerung durchfluten, dort die Feuer der Traumphantasien entzünden, daß sie bei der Arbeit an einem Kunstwerk durch einen Wissensstrom geläutert werden und schließlich mit ihm verschmelzen, bedeutet also eine Versöhnung ursprünglich antagonistischer Persönlichkeitsströme. ...Nicht nur die Dynamik des Phantasiestroms, nicht nur ein Wissensstrom ist ... beteiligt, sondern eine richtende Persönlichkeitsinstanz« (Elias 2005a: 81f.).

 

Diese Passage transzendiert wissenschaftliche Normalsprache und enthält inhaltlich zugleich die Beschreibung der Bedingungen ihrer sprachlichen Form.

 

Um die Versöhnung der in komplexen Gesellschaften sehr weit gehenden Differenzierung der Es-, Ich- und Überich-Funktionen zu erreichen, müsse die Brücke der Entprivatisierung oder Sublimierung der persönlichen Phantasien überschritten werden. Diesen müsse, »neben der Ich- Relevanz auch eine Du-, Er-, Wir-, Ihr- und Sie-Relevanz« (Elias 2005a: 80) gegeben werden. Mit anderen Worten: Den eigenen Erfahrungen müssen die verallgemeinerungsfähigen Aspekte abgewonnen werden.

 

Wissenschaftspsychologisch betrachtet können wir Elias’ Abarbeitung an Denkspaltungen und Fragmentierungen durch Synthesebildung als enttraumatisierende Denktechnik verstehen. In die Form gesellschaftswissenschaftlicher Orientierungsmittel gegossen, wird Enttraumatisierung heilend auf die gesellschaftlichen Quellen von Traumatisierung zurückgerichtet. Insgesamt kann die Zivilisationstheorie zu den denkerischen Antworten auf den „Zusammenbruch der Zivilisation“ in seiner gewalttätigsten Gestalt, der des deutschen Nationalsozialismus, gezählt werden. Im Text von „Über den Prozeß der Zivilisation“ selbst findet sich davon keine manifeste Spur, mit Ausnahme des späteren Widmungsteiles „Sophie Elias, gest. Auschwitz 1941 (?)“. In späteren Arbeiten tauchen direkte Bezüge auf, jedoch wie beiläufig.

 

Als Beispiel sei schließlich eine sehr dichte Beschreibung seines wissenschaftlichen Menschenbildes zitiert:

 

»Menschen sind Gestalten in Zeit und Raum und können jederzeit entsprechend ihrer Stellung in diesen vier Dimensionen lokalisiert und datiert werden. Aber das genügt nicht. Als fünfte Koordinate tritt bei Menschen und allem, was sie erleben und tun, die Bestimmung ihres Durchganges durch das symbolische Universum hinzu, in dem Menschen miteinander leben. Ein offensichtlicher Repräsentant dieser Dimension ist die Sprache, also umfassende, komplexe, menschengeschaffene Symbole, die von Gesellschaft zu Gesellschaft verschieden sein können und die zugleich der Kommunikation unter Menschen wie ihrer Orientierung dienen. Aber Symbolgehalte, so etwa Begriffe oder etwa das, was wir den ›Sinn‹ von Kommunikationen nennen – kurzum alles, was im Verkehr der Menschen durch ihr ›Bewußtsein‹ hindurchgeht und gestaltet wird –, gehören zu dieser Dimension, aber ganz gewiß auch die gegenwärtigen Bedeutungen der Begriffe ›Raum‹ und ›Zeit‹. Diese ... sind nicht einfach da – ein für allemal. Sie sind immer im Fluß, immer geworden, was sie sind, und immer im Werden. Sie entwickeln sich in der einen oder anderen Richtung, sei es zu größerer Realitätsnähe und Objektadäquanz, sei es zu einer Verstärkung ihres Charakters als Ausdruck menschlicher Affekte und Phantasien, oder etwa auch im Sinne einer sich ausweitenden oder schrumpfenden Synthese« (Elias 1982: 1014, Hervorh. HPW).

 

Diese dialektische Beschreibung unseres Durchganges durch das symbolische Universum unseres sprachlichen Gewebes, welches zugleich durch uns hindurchgeht, entspricht einer Übertragung von Lebenserfahrungen, wie sie die gruppenanalytische Selbsterfahrung manchmal in besonders reiner Form eröffnet, auf die Wissenschaften vom Menschen insgesamt: Der Erfahrung, wie all die Gruppen, durch die wir hindurchgehen, zugleich durch uns hindurchgehen und die gruppenanalytische Gruppe dabei Chancen auf korrektive Erfahrungen eröffnet, die wir in die Gruppen unseres Alltagslebens auf allen Ebenen übertragen können.

 

IV. So schließt sich der Kreis

Und sind es nicht schlussendlich wieder geglückte Augenblicke des Kairos, in denen es uns gelingt, die Wiederholungszwänge chronifizierten Leidens in erneuerte Erfahrungen umzuschmieden? Gebiert nicht gerade die analytische Gruppe immer wieder solche Chancen?

Stellen wir uns beispielsweise eine junge Frau, mit einer psychischen Missbrauchserfahrung durch ihren Vater, in einer solchen gruppenanalytischen Selbsterfahrung vor. Denken wir uns die Gruppe mit ihr als fiktives Fallbeispiel. Sie hat, so nehmen wir einmal an, ursprünglich ihrer Mutter geltende Schuldgefühle verinnerlicht und überträgt diese auf alle engen Beziehungen zu Männern. Stellen wir uns nun vor, wie sie in ihrer Gruppe über eine sich möglicherweise anbahnende neue Beziehung spricht.

Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen, mit diesen Worten Christa Wolfs lassen sich solche abtötenden Erfahrungen beschreiben, solche die Lebenskraft aussaugende Wiederkehr von Untoten. Stellen wir uns also den Fall des chronifizierten Chronos vor, des immer wiederholten, zwanghaften Ablaufes, wie er in einer Selbsterfahrungsgruppe zur Sprache kommt: nicht länger als ein vor sich hin murmelndes Symptom (Foulkes), sondern eben zur Sprache, wie es die Kommunikation in dieser Gruppenkonstellation in einmaliger Weise erlaubt und fördert.

Führen wir uns noch einmal als Beispiel die junge Frau vor Augen: Spricht sie in der Gruppe über ihre mögliche neue Beziehung, so ist sie zugleich in die alten Beziehungserfahrungen eingeschlossen. Sie blickt in die Runde, erwartet die vorwurfsvollen Blicke, die sie, von Schuldgefühl getrieben, imaginierend auf die Gruppe übertragen hat. Stattdessen schaut sie, zunächst irritiert, in freundliche, mitfühlende, ermutigende Gesichter. Sie stockt und schwankt wie eine erwachende Schlafwandlerin und kennt sich nicht aus.

Das ist der geglückte Augenblick des Kairos als Wirklichkeit gewordener Mythos: nach langer Gruppenarbeit spüren wir plötzlich, wie er die junge Frau und die ganze Gruppe durchflutet. Eine pathogene Phantasie löst sich und das Leben kommt wieder in Fluss.

So schließt sich der Kreis: Im beschreibbaren Leben wie im lebendigen Beschreiben kommt es auf die Wandlungskontinuen stetigen Fließens an, mit all den mäandernden scheinbaren Umwegen, mit all den Mühen mitgeschleppten Erinnerungsgerölls – aber wir können zugleich immer wieder auf die Stromschnellen der zauberhaften Momente geglückter Verwandlung hoffen.

Vielleicht dürfen wir ein Quäntchen dieser Hoffnung selbst für jenen letzten Augenblick hegen, den Thomas Mann im Zauberberg als knappen Übertritt bezeichnet, wenn der Fährmann der griechischen Mythologie uns übersetzt über Lethe, den Fluss des Vergessens, und wenn der Schrecken unserer letzten Verwandlung, wie die Botschaft vom guten Tod uns versichert, mit etwas Glück , vielleicht gar jenem der Begleitung geliebter Menschen, gemildert werden mag.

 

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Vernetzung mit anderen Instituten und Organisationen:

 

Das Team von GIGOS pflegt einen intensiven fachlich-wissenschaftlichen Austausch mit Fachkolleginnen und Fachkollegen im Bereich der Gruppenanalyse, Supervision sowie der Sozialwissenschaften und Psychoanalyse.

 

Besonders engen Kontakt haben wir zu folgenden Instituten und Organisationen:

Institut für Gruppenanalyse IGA Heidelberg > www.gruppenanalyse-heidelberg.de.

Seminar für Gruppenanalyse Zürich SGAZ    > www.sgaz.ch.

Deutsche Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie

> www.d3g.org.

 

 

Zur Vernetzung auf dem Gebiet der Gruppenanalyse siehe auch:

www.gruppen-analyse.de = Homepage von Nneka Chidolue-Hoppe, Mühlheim am Main.

 

 

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